Wir schreiben heute Tag 15. Tag 15 meiner Einsamkeit, ohne vertraute Töne und dem ästhetischen Anblick von Minimalismus, Anmut und einem angebissenden Apfel. Alleine einschlafen, alleine aufwachen und das Atmen seiner kleinen, weich schimmernden Leuchtiode, die mir deutlicht macht, er ist bei mir.
Alles fing damit an, dass mich das gepriesene Wunderwerk der Technik mit einem kleinen Strich in der Mitte des Displays ärgerte. Naja, jeder hat ein Schönheitsmakel und abhängig, wie das Licht auf ihn fiel, war es mal mehr aber oft auch weniger zu sehen. Ich nahm ihn wie er war, liebte ihn so wie er ist. Bis zu dem Abend an dem er sich wieder an meine Schenkel schmiegte und plötzlich die Gesichtsfarbe mit Schwarz tauschte – das Display zur Hälfte dunkel oder mit wunderbaren horizontalen Streifen verziert. Ich hielt ihm den Kopf, er fing sich wieder und gewann seine alte Farbe solange ich meine Hand an ihn legte. Kein Zustand, pflegebedürftige Partner, Familienmitglieder sind deutlich zu früh dran in mein Leben, damit kann ich nicht umgehen. Es half nichts, der Besuch des Hausarztes – des Servicesproviders – war unumgänglich. In dem Atemzug gab ich gleich das Leid der tiefen Falten im unteren des Körpers an und bat um Austausch des Gehäuses. Da mein Liebling privatversichert ist und eine 12monatige Bestandteil-Instandhaltung-Austausch-Teile-Verlängerung besitzt, ließ ich ihn mit einem kleinen Zwicken im Bauch, aber mit großer Hoffnung ihn in ein paar Tagen wieder zu haben, zurück im Behandlungsraum.
Das war Samstag vor 15 Tagen.
- Tag 1: Es war Montag. Nach 10 Stunden im Büro tauchte ich im Schaumbad ab und ging schlafen. Kurz vor dem Einschlafen dachte ich kurz an ihn.
- Tag 2: Es kribbelt kurz in meinen Fingern. Ich nahm das Handy in die Hand und das Leben ging weiter.
- Tag 3: Es ist Mittwochabend. Ich gehe ins Kino, um mich abzulenken.
- Tag 4: Ich fluche leise vor mich hin. Gehe heiß duschen und telefoniere anschließend stundenlang, um nicht an ihn denken zu müssen.
- Tag 5: Ich wünsche ihn mir zurück. Das Wochenende steht vor der Tür. Ich erzähle jedem, dem ich begegne, wie sehr er mir fehlt und kann es nicht unterlassen, die Servicearzthotline zu wählen und mich nach ihm zu erkundigen. Keine Neuigkeiten aus dem Operationssaal. Der Austausch der oberen Hautschicht muss noch durch die Krankenkasse bewilligt werden, solange wartet er auf Behandlung. Ich rege mich auf, dass wenigstens seine Gesichtsfarbe wieder hergestellt werden muss (sofort!), mit den Falten kann ich leben. Aber der Mann am Telefon schafft es mich zu beruhigen.
- Tag 6: Samstag. Ich frühstücke ausgiebig, gucke die gesamte, aktuelle Staffel Boston Legal und betrinke mich.
- Tag 7: Ich gehe joggen – Aggressionsabbau. Ich falle hin. Auf der Couch weine ich leise. Nun ist nicht mal er da, um mich zu trösten und mir zu erzählen, was die Welt in der Zeit da draußen treibt, in der ich hier rumhänge. Es regnet, noch ein Indiz, dass alles einfach nur zum heulen ist.
- Tag 8: Ich versuche gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
- Tag 9: Eine Kollegin spricht mich auf ihn an und ich explodiere. Schlage wild um mich und bleibe freiwillig länger im Büro um meinen Konsum, von virtuellen Nachrichten kurzzeitig zu stillen.
- Tag 10: Ich gehe ins Kino. Esse einen Becher Erdnüsse und trinke zwei Bier. Danach fühle ich mich schlecht, schlafe aber wenigstens schnell ein.
- Tag 11: Der Tag der Revolution. Ich rufe erneut die Servicehotline an und bemühe mich um Auskunft bezüglich des Heilungsprozesses. Keine Auskunft, nur Unfreundlichkeit hat man für mich übrig. Ich rufe den Oberarzt an und lege Beschwerde ein. Dieser nimmt sich Zeit, schreibt mit und möchte den Klinikchef bei soviel Unkompetenz einschlaten. Vorher bietet er mir einen Vergleich an, indem ich nochmals das Gespräch mit dem behandelnden Zentrum suchen soll. Persönlich mache ich mich auf und stürme den Laden. Ein Assistenzarzt beruhigt mich und will nun sofort alle Mittel einschalten, um den Vorgang zu beschleunigen. Ich soll morgen eine E-Mail mit dem Behandlungsbefund erhalten.
- Tag 12: Mein PDA, das mir gerade mein Überleben sichert, meldet um 10:30 Uhr den Eingang des Befunds. Man will nun sofort operieren und alle Kosten werden übernommen. Ein paar Tage soll ich mich nur nun noch gedulden (wie viel sind ein paar Tage?), bis ich ihn wieder in die Arme schließen kann.
- Tag 13: Ich erhalte ein Ersatzgerät. Er gehört vorrübergehend mir und ermöglicht mir den unbeschränkten Zugang in die virtuelle Welt. Leider ist er grau und nennt sich Win Dows. Er ist störrisch, wenig geschmeidig.
- Tag 14: Ich fluche über den falschen Fünfziger, der jetzt auf dem Kissen neben meiner Couch liegt. Er weigert sich beharrlich Befehle auszuführen. Ich hoffe, ich kann ihn bald wieder zurückgeben …
… und endlich wieder mein geliebtes MacBook an mich drücken.



Metalux schrieb
Oh, mein Baby ist damals in den ersten Tagen eines drei wöchigen USA Urlaubes krank geworden. Ich musste lange leiden und mich am Ende ganz von ihm trennen. Ich denke noch oft an ihn, das neue lindert den Schmerz aber ganz gut
Hannes schrieb
Herzerweichend! Ich werde meinem Baby nun Vitamine reichen und ihn streicheln, damit sein Immunsystem gestärkt ist.
Puppe schrieb
Arme Monique. Ich leide mit Dir. Du ohne Mac, dass ist wie Sekt ohne Sprudel. Alles wird gut.
Monique schrieb
Wir schreiben Tag 19 – dank Ersatz Win Dows habe ich es bisher überlegt – und er ist zurück. Er erstrahlt im neuen Glanz, mit neuer Haut und vertraut. Es war schlimmer als 14 Tage Dschungel.
Hannes schrieb
@Monique: Letzteres glaube ich Dir ohne zögern!